
Es klingt nach Free Jazz – und ist doch schon zwei Schritte weiter. Was das Stemeseder Lillinger Quartet auf die Bühne wuchtet, sprengt die gewohnten Schubladen: radikale Klangforschung und hyper-präzise Avantgarde-Beats, eine Musik, die mit fast mathematischer Unerbittlichkeit Strukturen auftürmt, um sie im nächsten Moment kontrolliert einstürzen zu lassen.
Im Zentrum stehen zwei, die im zeitgenössischen Feld längst als gefeiertes Duo gelten: Pianist und Keyboarder Elias Stemeseder und Schlagzeuger Christian Lillinger. Stemeseder arbeitet mit elektroakustischen Texturen und der schieren physischen Wucht von Frequenzen – Klang ist bei ihm kein Beiwerk, er wird zur Materie. Lillinger wiederum wird selbst unter Kollegen ehrfürchtig bestaunt, für ein Schlagzeugspiel, so unbarmherzig komplex, dass man kaum glauben mag, ein einzelner Mensch bringe es zustande.
Erweitert um Bass und Trompete wird aus dem Duo ein Quartett – und aus der Forschung ein Ereignis. Nick Joz erdet das Geschehen am Kontrabass und an der Trompete steht der wohl schnellste Mann seines Fachs auf dem Planeten: Peter Evans.
Mit ihm explodieren Stemeseder und Lillinger in extrem dichten, abstrakten Unisono-Parts, in denen mehrere Stimmen wie ein einziges nervöses Nervensystem zucken. Das gemeinsame Album „Umbra II“ hat es nicht von ungefähr zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht.
Maximale Kreativität, Experimentieren ohne Geländer – diese Musik lässt sich nicht nebenbei wegkonsumieren. Sie fordert, fasziniert und überrumpelt im selben Atemzug. Und gerade live, wo jede Sekunde auf der Kippe steht und nichts kalkulierbar bleibt, wird daraus eine kompromisslose, hochkomplexe Sound-Performance, die sich tief ins Gedächtnis brennt.