
»Dolce Vita« – das süße Leben. Doch wer beim neuen Album des Genfer Gitarristen Louis Matute nur an Strand, Sonne und „Pura Vida“ denkt, sitzt einem schön verpackten Missverständnis auf. Der Titel ist eine Finte, ein ironischer Köder mit Bananenschale. So sehr man Mittelamerika auch romantisiert haben mag – diese Postkartenidylle erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere, dunklere Hälfte ist Matutes eigene.
Aufgewachsen in der Schweiz, der Vater aus Honduras, die Mutter aus Deutschland, lernt der 1993 Geborene zuerst Flamenco auf der Gitarre und entdeckt erst später den Jazz. In Paris fasst er nun in Töne, was lange nur ein Flüstern war: die Familiengeschichte, allen voran den Kampf seines Großvaters gegen die allmächtige United Fruit Company.
Seine Herkunft, sagt Matute, habe er nie ganz verstanden – welcher Teil von ihm lateinamerikanisch sei, welcher deutsch. Sicher war nur, dass diese Klänge beim Komponieren immer von allein an die Tür klopften. Aus der Biografie allein erklärt sich dieses Album trotzdem nicht.
Matute und sein franko-schweizerisches Large Ensemble segeln durch Lateinamerika, gehen im tiefen Süden der USA vor Anker, versumpfen in verrauchten Jazzkellern und bummeln über den Strand von Ipanema, bis sie das eigene Pathos einholt. Ein Roadtrip für die Ohren, cineastischer Indie-Jazz: modern und doch folkloristisch, getragen von brasilianischer Saudade und dem Saxofon von Léon Phal. Bei der Bremer Jazzahead 2025 glänzte das Sextett genau damit – mit prägnanten Bläsermelodien und locker treibendem Beat.
Das Ganze klingt wie der Soundtrack zu einem Independent-Film, zum Träumen, Entschleunigen und Wohlfühlen gemacht. Wer Bon Iver und Pat Metheny mag, fühlt sich hier wie an einem warmen Sommerabend. Und doch bleibt der Schatten im Bild – ganz buchstäblich: Das Cover zeigt Matute, wie er seine eigene Silhouette an der Wand betrachtet, intim und fern zugleich. »Dolce Vita« ist keine Flucht. Es ist eine Konfrontation, die Erinnerung, Erbe und Ironie in Klang verwandelt – und uns daran erinnert, dass Schönheit und Dunkelheit oft in derselben Melodie wohnen.